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Über den Tellerrand geschaut: Evangelisch-Lutherische Kirche in Estland und Kanada

  • Eine Menschengruppe vor einer Kirche
    Tatjana Owodow (Ökumenische Arbeitsstelle, links), Propst Matthias Krüger (dritter von links) und Pastor Rainer Karstens (hinten) begrüßten die Gäste aus Estland: Mart Salumäe (2.v.l.), Alt-Bischof Tiit Salumäe (dritter v. rechts) und dessen Frau Lia (2.v.r.) und Tochter Maria (rechts).

Rendsburg – Wie geht es der evangelischen Kirche? Dieser Frage spürten Propst Matthias Krüger und Pastor Rainer Karstens bei einem Treffen mit Vertreter*innen aus der estnischen Kirche nach. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 825-Jahr-Jubiläum der Stadt Rendsburg waren angereist: Tiit Salumäe, Bischof im Ruhestand, gemeinsam mit seiner Frau Lia und seiner Tochter Maria sowie seinem Bruder Pastor Mart Salumäe (Pastor in Haapsalu).

Estland ist der nördlichste der drei baltischen Staaten und grenzt im Süden an Lettland, im Osten an Russland und im Norden und Westen an die Ostsee. Enge Verbindungen hat das Land mit ungefähr 1,3 Millionen Einwohner*innen nach Finnland, vor allem sprachlich und kulturell begründet. Auch nach Deutschland gibt es historische Verbindungen. Als der Eiserne Vorhang brüchig wurde und die Staaten der Sowjetunion sich Richtung Westen öffneten, boten sich Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen. Kirchlich begründete die damals nordelbischen Synode eine Verbindung, als sie einen kirchlichen Vertreter aus Estland zu ihrer Juni-Tagung im Jahr 1989 in Rendsburg einlud. Der Einladung folgte das Ehepaar Tiit und Lia Salumäe. Tiit war zu der Zeit Pastor in Haapsalu. Seit 35 Jahren gibt es also partnerschaftliche Beziehungen zwischen Rendsburg und Haapsalu, kirchlich wie kommunal.

Im kirchlichen Bereich ging es in den Anfangsjahren vor allem um materielle und finanzielle Unterstützung, um den Neuanfang und Aufbau nach den Jahren der sowjetischen Herrschaft zu ermöglichen. Armut und Mangel am Alltäglichen sowie marode Bausubstanzen waren Herausforderungen und der Bedarf an Unterstützung war groß. Von konkreter Hilfe durch Kleider-, Sach- und Geld-Spenden, über gemeinsames Singen und Musizieren bis hin zu Glaubens-geschwisterlichen Gesprächen, Andachten, Gottesdiensten und in der Regel Jahr um Jahr wechselnde gegenseitige Besuche reicht der Bogen der Verbindungen über mehr als drei Jahrzehnte partnerschaftlicher Verbundenheit zwischen der jetzt einen Ev.-Luth. Kirchengemeinde Rendsburg (damals drei Kirchengemeinden) und der Jaani-(St.Johannes-)Gemeinde in Haapsalu. Im Laufe der weiteren Jahre entwickelte sich das Bedürfnis, miteinander vertiefter ins Gespräch zu kommen über Fragen von christlichem Glauben und Leben und Wirken in der Gesellschaft.

Die Herausforderungen für kirchliche Institutionen sind auf beiden Seiten in den Jahren nicht kleiner geworden, wie im Gespräch deutlich wurde. In Estland stehen Veränderungen an, es gibt jetzt vier Bistümer und drei neue Bischöfe. Heute bekennen sich nur noch weniger als 30 Prozent der Bevölkerung zum Christentum: 13,6 Prozent der Bevölkerung sind evangelisch-lutherisch und 12,8 Prozent orthodox. 0,5 Prozent der Bevölkerung sind Baptisten und 0,5 Prozent römisch-katholisch. Die zehn bedeutendsten christlichen Kirchen und Gemeinschaften haben sich im Rat Christlicher Kirchen Estlands zusammengeschlossen. Der Mitgliedsbeitrag muss aus eigenem Antrieb gezahlt werden, es gibt weder eine Erinnerung noch einen Bankeinzug.

Die gemeinsame Grenze mit Russland führt dazu, dass die weltpolitischen Veränderungen sich stark auf das Leben im Land auswirken, etwa ein Viertel der Menschen in Estland gehört zur russischsprachigen Minderheit. Die orthodoxe Kirche, die in der Phase der sowjetischen Herrschaft stärker wurde, politisiert in dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine stark, so Salumäe. Die übrigen Kirchen aber wollten das eher nicht: „Die kirchliche Zusammenarbeit sollte nicht politisiert werden, wir arbeiten weiterhin auch mit der Estnischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zusammen. Wir müssen auch an die Vielzahl lutherischer Gemeinden mit vielen Esten in Russland denken.“ Er appellierte an die evangelische Kirche in Deutschland, die deutschen Gemeinden in Russland nicht zu vergessen und den Kontakt dorthin zu halten, denn die Menschen dort stünden unter großem Druck.

Mart Salumäe war zuletzt zehn Jahre als Pastor in Toronto, Kanada und hat so noch einen ganz anderen Blick auf das Leben als Minderheit bekommen. Gegründet wurde die Gemeinde 1948 von ausgewanderten Esten. In ganz Kanada sind von knapp 50 Millionen Menschen nur ungefähr eine Viertelmillion Mitglied in lutherischen Kirchen, von ursprünglich 12 Kirchengemeinden gibt es heute noch 4. „Esten erhalten auch im Ausland die alten Traditionen teils aus der Zeit des zweiten Weltkrieges aufrecht, das ist wichtig für die Identitätsbildung. In Estland gibt es große Vorbehalte gegenüber dem Teil der russischsprachigen Bevölkerung, der gefühlt den zweiten Weltkrieg glorifiziert, aber ich denke, auch hier ist es Teil der Identitätsbildung.“

Propst Matthias Krüger berichtete von den Herausforderungen, die es in Deutschland mit Blick auf Flüchtlinge und die Zusammenarbeit mit Religionen jenseits der christlichen Gemeinschaft gebe. Auf der estnischen Seite gehe es eher in eine andere Richtung, so Mart Salumäe: „Estland ist ein Auswanderungsland, Esten wandern vor allem nach Finnland aus. Nach den Jahren in Toronto kann ich sagen: Das multikulturelle Leben ist kein Problem, aber eine Herausforderung.“

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